Meine Lernreise PKM26
Mein Wissens-Bulli ist voll. Warum komme ich trotzdem zu selten ins Schreiben?
Meine Oma Resi schnippelte Rezepte aus Zeitschriften aus und sammelte diese in einer Box. Ich bin ihr sehr ähnlich und sammle: Fachartikel, Studien, Notizen und digitale Fundstücke. Ein Teil davon dümpelt in Kartons. Der Rest verteilt sich auf Papier, OneNote, Raindrop, Obsidian und Zotero. Die Herausforderung: Was ich nicht überblicke und nicht finde, steht mir auch nicht als Wissen zur Verfügung.
Mein Wissens-Bulli ist also gut beladen. Nur zum Schreiben komme ich damit - gefühlt - viel zu selten.
Genau deshalb mache ich diese Lernreise in diesen Wochen. 14 Wochen mit sechs Themenregionen:
- Wissen sinnvoll aufnehmen und ordnen
- Wissen wiederfinden und wiederaufnehmen
- Aus Informationen eigenes Wissen entwickeln
- Das PKM im Alltag tragfähig halten
- Wissen in Bewegung bringen
- KI bewusst in das eigene PKM einbinden
Übrigens: dieser Blog wird während der Lernreise ständig aktualisiert. Es kann also durchaus vorkommen, dass der Text sich ändert im Zeitablauf. Es lohnt sich also immer mal wieder zu schauen, was sich Neues ergeben hat.
A) Wissen sinnvoll aufnehmen und ordnen
Ich komme aus der Buchbranche und bin eine echte Leseratte - ein sogenannter Vielleser lt. Studie des Börsenvereins. Hinzu kommen Gespräche aus Beratung, Coaching und Supervision, Konferenzen, Podcasts, Webseiten, Studien, Newsletter, Videos und spontane Ideen. Die eigentliche Frage lautet "Welches Gepäck bringt mich tatsächlich ans Ziel" statt "Welche Informationen brauche ich noch?"
Mindestens zehn Informationsquellen liefern ständig Nachschub. Mein Ziel sind 26 veröffentlichte Beiträge im Jahr. Schon rechnerisch kann deshalb nur ein Bruchteil dessen, was mich interessiert, in einen Text gelangen.
Das Publizieren ist für mich keine völlig neue Route. Vor meiner Zeit als Working-Mom erschien meine wöchentliche Kolumne "Fragen Sie Ellen Braun" jahrelang im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels. Bei zwei Büchern war ich Co-Autorin, arbeite als freie Mitarbeiterin bei Langendorfs Dienst und bin auch sonst unregelmäßig unterwegs in verschiedenen Medien.
Ich kann schreiben. Ich kann auch regelmäßig liefern.
Mir fehlt allerdings aktuell ein verbindlicher Prozess, der aus den unzähligen Gedanken aus den verschiedenen Infoquellen aus Anwendung und Literatur schließlich einen Beitrag macht, der wertig und würdig ist veröffentlicht zu werden.
1. Auswählen: was ist es wert, festgehalten zu werden?
Die laufenden Projekte wurden nach der PARA-Methode (Projekte, Areas, Ressourcen, Archiv) sortiert. Alles, was gerade nicht aktiv ist, ist ins Archiv gewandert. Damit ist meine aktuelle Route wieder sichtbar.
📚Tipp: Tiago Forte (2023): Die PARA-Methode. Wie Sie Ihr digitales Leben vereinfachen, organisieren und meistern. REDLINE Verlag.
Für neue Informationen wird eine einfache Regel getestet: Ein Fundstück darf mit, wenn es einem aktiven Projekt oder einem geplanten Beitrag zugeordnet werden kann. Dazu wird ein eigener Gedanken notiert und kommt wird mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen (12 Wochen). Andernfalls bleibt es eine interessante Begegnung am Wegesrand.
Formel: Aktives Projekt + Gedanke + MHD
Damit kann mein Verstand gut arbeiten. Mein emotionales Erfahrungsgedächtnis grummelt noch.
Warum die Kartons trotzdem bleiben
Die Kartons enthalten nicht einfach nur Papier. Sie sind eine Art materielle Rückversicherung gegen die Angst, etwas Wichtiges zu vergessen, eine Chance zu verpassen oder den Anschluss zu verlieren. Mein innerer Satz lautet offenbar: "Wenn ich diese Infos wegwerfe, könnte mir später genau dieses Wissen fehlen."
Also bleiben Artikel im Karton. Sicher ist sicher. Nur finden würde ich den einzelnen Artikel dort vermutlich nie mehr.
Im Zürcher Ressourcen Modell steht das "Würmli" für unser emotionales Erfahrungsgedächtnis. Mein Verstand kennt die begrenzte Ladekapazität längst. Mein Würmli steht trotzdem neben dem Bulli und ruft: „Pack es lieber ein!“

Unter Stress greifen Menschen leichter auf vertraute Handlungsmuster zurück. Bei mir lautet dieses Muster: behalten statt entscheiden.
Deshalb hat der Vorsatz „Jeden Tag fünf Zentimeter Papier aussortieren“ nie dauerhaft funktioniert. Er verlangte Loslassen, ohne vorher Orientierung und Sicherheit zu schaffen. Diesmal war die Reihenfolge eine andere: Ich habe zuerst meine aktiven Projekte sortiert und damit die Route festgelegt. Alles andere durfte zunächst ins Archiv.
Erst jetzt kann ich bei jedem neuen Gepäckstück fragen: Gehört es zu meiner aktuellen Reise – oder nehme ich es nur aus Angst mit? Mein Würmli muss nicht lernen, dass Wegwerfen ungefährlich ist. Es darf lernen, dass weniger Gepäck nicht automatisch weniger Möglichkeiten bedeutet.
Weniger Gepäck, mehr Bewegung
Mein Ziel ist nicht der perfekt eingeräumte Wissens-Bulli. Mein Ziel sind 26 veröffentlichte Beiträge im Jahr. Deshalb lautet meine neue Frage: "Wofür werde ich das Entdeckte/Gesehene/Gelesene konkret verwenden?"
Bleibt die Antwort aus oder vage, muss das Fundstück nicht mit, weil meine Aufmerksamkeit begrenzt ist. Mein Wissens-Bulli muss nicht alles enthalten. Er muss fahren.
2. Von der Quelle zur Notiz - digital und handschriftlich
Mein PKM gleicht einem Wegenetz mit gut ausgebauten Strecken, Nebenwegen und gelegentlichen Sackgassen. Manche davon habe ich vermutlich selbst angelegt.
Anregungen erreichen mich aus Büchern, Fachbeiträgen, Podcasts, Veranstaltungen und bei Gesprächen. Hinzu kommen Beobachtungen aus Beratung, (Team-)-Coaching und Supervision sowie Ideen beim Autofahren, Radfahren, Yoga und Kochen.
Je nach Situation landen diese Gedanken an unterschiedlichen Orten:
- Bei Konferenzen und Schulungen notiere ich per OneNote
- Unterwegs diktiere ich in die Notizen-App des Iphones
- Regelmäßig benötigte Links und aktuelle Quellen speichere ich in Raindrop
- Dauerhaft relevante Gedanken sollen in Obsidian landen
- Bücher lese ich am liebsten analog – der Augen wegen und weil ich den Buchgeruch liebe. Notizen mache ich mir dazu auf blauen halb gefalteten DIN-A4-Blättern mit Seitenzahl und Notiz. Ist wie ein Spickzettel in der Schule. Ich weiß einfach wo was steht.
Das schnelle Festhalten gelingt. Schwieriger ist es, das Gesammelte später weiterzuentwickeln. Meine Gedanken sind zuverlässig am Eingang – nur die Weiterreise ist nicht immer geklärt.
Der 50 Zentimeter hohe Beweis
Neben den digitalen Ablagen steht ein mindestens 50 Zentimeter hoher Stapel Notizbücher – ohne Farbcode. Sie wurden gekauft, geschenkt oder von meiner Tochter aussortiert, wie z.B. ein altes „Mia and me“-Heft.

Häufig weiß ich ungefähr, in welchem Heft etwas steht. Mein Gehirn verbindet den Inhalt offenbar mit dem Anlass und dem jeweiligen Notizbuch. Das ist kein belastbares Ablagesystem, funktioniert aber erstaunlich gut. Persönliche Wissensarbeit folgt eben nicht allein einer technischen Logik. Manchmal folgt sie einem rosafarbenen Einhorn auf einem alten Schulheft.
Schreibdenken braucht Platz
Stift und Papier bleiben für mich wichtig. Je größer die Fläche, desto besser. Ich nutze Zeichenblöcke, alte Karteikarten oder die Rückseite beschriebener Flipchartbögen. Nachhaltigkeit und Denkfreiheit passen hier erstaunlich gut zusammen. Auf dem Papier dürfen Gedanken unfertig sein. Ich kann Pfeile zeichnen, Wörter einkreisen und Zusammenhänge sichtbar machen. Vieles steht nicht vor dem Schreiben fest, sondern entsteht dabei. „Schreibdenken“ ist ein hervorragendes und wunderbares Wort dafür. Danke an diejenige in der Community, die dieses Wort kreiert hat. 🙏
Analoge Aufzeichnungen gelten als Arbeitsmittel auf Zeit. Sobald ihr Inhalt verarbeitet ist, werden diese konsequent entsorgt. Was für ein herrlicher Moment, wenn das Papier zerknüllt oder zerrissen wird. "Wieder was erledigt!"
Vom Papier in den digitalen Denkraum
Tragfähige Inhalte werden in Word, OneNote oder Obsidian überführt. Handschriftliche Aufzeichnungen lasse ich teilweise von KI transkribieren. Das erleichtert den Übergang ins Digitale, ersetzt aber nicht die inhaltliche Bearbeitung. Ein transkribierter Zettel ist schließlich noch kein ausgearbeiteter Gedanke, aber mit Unterstützung der KI wird strukturiert und weiterentwickelt. Spannend!
Für die Weiterarbeit helfen vier Fragen:
- Welcher eigene Gedanke steckt darin?
- Zu welchem Thema oder Projekt gehört er?
- Wie knüpft er an mein vorhandenes Wissen an?
- Wofür möchte ich ihn verwenden?
Nicht jede Quelle braucht einen Dauerparkplatz
Die verschiedenen Werkzeuge haben inzwischen eigene Aufgaben: OneNote ist derzeit mein Denk- und Arbeitsraum. Obsidian soll dauerhaft relevantes Wissen vernetzen. Raindrop verwaltet ausgewählte Webquellen. Papier bleibt dem offenen Schreibdenken vorbehalten. Trotzdem stellt sich bei jedem Fundstück die unbequeme Frage:
Speichere ich diese Quelle, weil ich sie verwenden werde – oder weil das Speichern leichter ist als die Entscheidung, sie vorbeiziehen zu lassen?
Die eigentliche Schwachstelle liegt deshalb nicht beim Speichern, sondern beim Sichten, Verdichten und Übertragen. Aber das kommt ja noch später während der Lernreise.
Eine Deadline schafft Klarheit
Bei einem Magazinbeitrag mit Abgabetermin gelingt fokussieren. Die Deadline zwingt mich zur Auswahl: Welche Quellen tragen? Welcher Gedanke steht im Zentrum? Wann ist die Recherche beendet? Schreibe ich dagegen nur für meine eigene Sichtbarkeit, bleibt die Sammelphase leichter geöffnet. Schließlich könnte noch eine Studie, ein Beispiel oder ein kluger Gedanke fehlen. Zotero zeigt sich an dieser Stelle ausgesprochen hilfsbereit und liefert zuverlässig weitere Wissenshäppchen. "Oh, das habe ich ja noch gar nicht unter der Perspektive betrachtet."
PKM definiert Wikipedia als: "Ein Bündel von Konzepten, Methoden und Werkzeugen zur Strukturierung und Ordnung von individuellen Wissensbeständen, das Einzelpersonen ermöglicht, Verantwortung dafür zu übernehmen, was sie wissen und wen sie kennen." PKM wird damit zur Frage der Selbstführung: Wann ist der Artikel genug zur Veröffentlichung?
Meine Wissensarchitektur: Jeder Gedanke braucht mehr als einen Stellplatz
Ich merke, dass sich meine Einstellung ändert. Persönliches Wissensmanagement ist mehr als Verstauen. Mein Wissens-Bulli braucht eine durchdachte Innenaufteilung: Was liegt wo, was brauche ich griffbereit und welches Gepäck hilft mir auf meiner nächsten Etappe?
Diese Ordnung ist meine persönliche Wissensarchitektur. Damit der Bulli nicht nur gut beladen herumsteht, gehört auch ein Plan für die Weiterarbeit dazu:
- Woher kommt die Information?
- Wo halte ich sie fest?
- Wofür möchte ich sie verwenden?
- Wie verarbeite ich sie weiter?
- Bis wann soll daraus ein Ergebnis entstehen?
Ich möchte schließlich nicht nur jederzeit sagen können, wo mein Gepäck liegt. Ich möchte damit irgendwo ankommen.
Inspiriert dazu hatte folgendes Buch: Holtel, S. (2024): "Droht das Ende der Experten? ChatGPT und die Zukunft der Wissensarbeit", Vahlen Verlag. Tabelle 11: Beispielhafte Tätigkeitsbeschreibung eines Wissensarbeiters.
3. Eine Ordnung über mehrere Orte hinweg
Der zentrale Arbeitsplatz ist mein Notebook, allerdings nicht automatisch eine einzige Wissensdatenbank.
Fortsetzung folgt.


