lick in eine Buchhandlung mit Bücherregalen; daneben eine pinke Grafik mit dem Schriftzug „#SchauGenau!“ und einer gezeichneten Brille.

#SchauGenau! Lesekompetenz & Schulbuchgeschäft

#SchauGenau! Was inhabergeführte Buchhandlungen im Schulbuchgeschäft leisten!

Kurz vor den heiß ersehnten Sommerferien. Draußen sind es mehr als 30 Grad. Im Verkaufsraum steigt die Temperatur weiter. Im Lager stehen Paletten mit Schulbüchern. Einige Titel fehlen. Andere wurden falsch geliefert. Eine Schule hat ihre Bestellung geändert. Die Rechnungen müssen trotzdem stimmen.

Der erste Schultag nach den Sommerferien ist fix. Und dann brauchen alle Schulkinder ihre Bücher.

Während die Lesekompetenz laut der IGLU-Studie 2023 weiterhin Anlass zur Sorge gibt, beginnt in vielen inhabergeführten Buchhandlungen die heiße Phase des Schulbuchgeschäfts – mit Bestelllisten, Lieferterminen, Nachfragen, Paletten und sehr viel Handarbeit.

Die Lage ist ernst: Sowohl beim Lesen und bei denen die dafür sorgen, dass das Material auf den Tisch kommt

Lesen ist die Voraussetzung dafür, Aufgaben zu verstehen, Informationen einzuordnen, Verträge zu prüfen, digitale Inhalte zu bewerten und sich eine eigene Meinung zu bilden. Wer nicht ausreichend lesen kann, hat nicht nur im Deutschunterricht ein Problem. Lesekompetenz beeinflusst das Verstehen von Aufgabenstellungen, die Einordnung von Themen in Zusammenhänge und das Lösen von Herausforderungen.

In meiner Nebenrolle als Dozentin bei verschiedenen Bildungsträgern mit DQR 6 (entspricht Bachelor) ist diese Unsicherheit bei einem Teil der Kursteilnehmenden massiv spürbar – etwa bei der Erstellung von Gliederungen für Abschlussarbeiten oder beim Formulieren eines aussagekräftigen Titels für ein mündliches Fachgespräch mit Präsentation.

Doch heute möchte ich den Blick auf diejenigen lenken, die vor Ort umfangreich Leseförderung betreiben und im Hintergrund dafür sorgen, dass die Logistik funktioniert.

Der Arbeitsprozess in der Buchhandlung

Eine Buchhandlung betreut beispielsweise mehr als zehn Schulen und wickelt während der Sommersaison Schulbuchaufträge im Wert von 250.000 bis 300.000 Euro ab.

Hinter diesem Umsatz stehen jedoch Hunderte Bestellpositionen, unterschiedliche Klassenstufen, verschiedene Ausgaben – je nach Bundesland –, ergänzende Arbeitshefte, Nachzügler und kurzfristige Änderungen.

Workflow in der Buchhandlung:

  • Bestelllisten prüfen – oft handgeschrieben und mit fehlerhaften ISBN
  • Ausgaben und ISBN korrekt zuordnen
  • Liefermöglichkeiten klären
  • Paletten annehmen und kontrollieren – häufig in Garagen oder externen Lagerräumen
  • Bücher nach Schulen und Klassen sortieren
  • fehlende Titel nachbestellen
  • Fehllieferungen reklamieren
  • Sondertitel direkt bei Verlagen beschaffen
  • Rechnungen erstellen
  • Rückfragen beantworten
  • Abholungen oder Auslieferungen koordinieren
  • und schließlich die Lieferung in die Schule organisieren – oft in obere Stockwerke ohne Aufzug

Die Lieferkette und die Herausforderungen

Das eine Buch kommt über das Barsortiment. Das nächste muss direkt beim Verlag bestellt werden. Ein Titel ist kurzfristig nicht lieferbar. Ein anderer wurde in einer neuen Auflage eingeführt. Mengen ändern sich, weil Schüler:innen hinzukommen oder Klassen neu zusammengesetzt werden.

Hinzu kommen Ausschreibungen, Rabattregelungen (vgl. BuchPrG) und besondere Anforderungen öffentlicher Auftraggeber. Dabei trägt die Buchhandlung Verantwortung für eine Lieferkette, die sie selbst nur begrenzt steuern kann:

  • Sie kann das Buch nicht drucken
  • Sie kann die Lieferfähigkeit des Verlages nicht garantieren (z.B. Meldenummer 15)
  • Sie kann auch nicht verhindern, dass sich Bestellungen kurzfristig ändern

Aber sie ist die Stelle, bei der am Ende nachgefragt wird, wenn etwas fehlt. Sie ist häufig diejenige, die die Probleme in der Lieferkette lösen soll.

Die Wertschöpfung

Das Schulbuchgeschäft bringt Volumen. Ob es wirtschaftlich attraktiv ist, hängt jedoch davon ab, wie effizient die Prozesse organisiert sind.

Entscheidend ist nicht nur die Höhe des Auftragswerts, sondern auch, was von der Marge übrig bleibt: Bei etwa 20 % Handelsspanne und Rabatten von 10 bis 15 % für Schulen (vgl. BuchPrG §7 (3)) verbleibt oft nur ein geringer Anteil zur Deckung der Kosten.

Bei einer durchschnittlichen Spanne von rund 8 % stellt sich die Frage:

  • Wie viele Arbeitsstunden bindet der Auftrag?
  • Wie viele Rückfragen entstehen?
  • Wie oft muss nachbestellt werden?
  • Wie viele Lieferungen müssen kontrolliert werden?
  • Wie hoch ist der Aufwand für Sortierung und Kommissionierung?
  • Welche Aufgaben übernimmt ein Dienstleister?
  • Wie hoch sind die Transportkosten?
  • Welche Sonderfälle verbleiben in der Buchhandlung?
  • Welcher Ertrag bleibt nach Abzug aller Prozesskosten?

Beispiel: Ein Schulbuch kostet 22,90 Euro inklusive 7 % Mehrwertsteuer. Daraus bleiben - gerechnet mit durchschnittlich 8 % - etwa 1,71 Euro pro Buch für den gesamten beschriebenen Prozess.

Gerade inhabergeführte Buchhandlungen rechnen ihre eigene Arbeitszeit häufig nicht vollständig ein. Die Inhaberin beginnt früher, bleibt länger oder bearbeitet Bestellungen am Abend.

Also: Ein Umsatz von 300.000 Euro klingt beeindruckend. Er sagt jedoch wenig darüber aus, wie viel die Buchhandlung tatsächlich verdient – und wie viele Wochen intensiver Arbeit darin stecken.

Ohne Menschen mit Leidenschaft für´s Lesen funktioniert vieles nicht

Das Schulbuchgeschäft zeigt, was lokale Buchhandlungen leisten, wenn standardisierte Systeme an ihre Grenzen kommen:

  • Eine Software erfasst die Bestellungen. Sie erkennt jedoch nicht automatisch, dass eine Schule versehentlich die falsche Ausgabe bestellt
  • Ein Warenwirtschaftssystem zeigt Bestände an. Es ruft aber nicht beim Verlag an, wenn ein Titel dringend benötigt wird
  • Ein Logistikdienstleister liefert Kartons. Er erklärt einer Lehrkraft nicht, warum ein Arbeitsheft fehlt und welche Alternative verfügbar ist

Diese Arbeit übernehmen Menschen mit hohem Fachwissen und einer Menge Erfahrung.

Sie kennen die Schulen, die Ansprechpartner:innen, die Verlage und die wiederkehrenden Herausforderungen. Sie wissen, welche Rückfrage notwendig ist und wann pragmatisch entschieden werden muss. Es ist hohe Prozesskompetenz statt Romantik im Einzelhandel.

Leseförderung beginnt nicht erst bei der Vorlesestunde

Natürlich lösen Buchhandlungen die Probleme der Lesekompetenz nicht allein. Dafür braucht es qualifizierten Unterricht, Sprachförderung, Bibliotheken, Eltern, Bildungspolitik und ausreichend ausgestattete Schulen. Aber Buchhandlungen sind wichtiger Teil dieser Infrastruktur.

Sie sorgen dafür, dass Lernmittel verfügbar sind. Sie beraten Familien. Sie organisieren Lesungen, Vorleseaktionen und Begegnungen mit Autorinnen und Autoren. Sie schaffen Räume, in denen Kinder Bücher nicht nur als Prüfungsstoff, sondern als Zugang zu Geschichten erleben.

Solche Veranstaltungen erscheinen in keiner PISA-Auswertung. Trotzdem sind diese hochwirksam: Leseclubs. Lesekoffer, Lesetüten, Vorlesewettbewerbe, Welttag des Buches, Fahrten zur Frankfurter Buchmesse, Escape Rooms uvm. fördern Neugier, Aufmerksamkeit und die Erfahrung, dass Bücher etwas mit dem eigenen Leben zu tun haben. Lesekompetenz wächst nicht allein durch die Anwesenheit von Büchern.

Aber ohne erreichbare Bücher, ansprechende Geschichten und Orte, an denen Lesen sichtbar wird, wird es ebenfalls schwierig.

Ein Appell

Vorne stehen die Bücher ordentlich im Regal. Hinten werden Bildungswege mitorganisiert.

Dazwischen stehen leidenschaftlich engagierte Buchhändler:innen, die Lieferprobleme lösen, Bestellungen kontrollieren, Veranstaltungen organisieren und gleichzeitig versuchen, ein wirtschaftlich tragfähiges Unternehmen zu führen.

Wer das Schulbuchgeschäft als Teil der lokalen Bildungsinfrastruktur versteht, sollte wertschätzend auch unterm Jahr handeln: Einfach Bücher bei der Buchhandlung des Vertrauens am Ort bestellen! Auch im Onlineshop, den jede Buchhandlung hat. Bücher sind preisgebunden und kosten also überall gleich viel.

Bevor also ein Kind lesen lernen kann, muss das richtige Buch auf seinem Tisch liegen.

Oft hat eine Buchhändlerin längst dafür gesorgt. #StarkeUnternehmerinnnen

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