Meine Lernreise PKM26
Mein Wissens-Bulli ist voll. Warum komme ich trotzdem zu selten ins Schreiben?
Meine Oma Resi schnippelte Rezepte aus Zeitschriften aus und sammelte diese in einer Box. Ich bin ihr sehr ähnlich und sammle: Fachartikel, Studien, Notizen und digitale Fundstücke. Ein Teil davon dümpelt in Kartons. Der Rest verteilt sich auf Papier, OneNote, Raindrop, Obsidian und Zotero. Die Herausforderung: Was ich nicht überblicke und nicht finde, steht mir auch nicht als Wissen zur Verfügung.
Mein Wissens-Bulli ist also gut beladen. Nur zum Schreiben komme ich damit - gefühlt - viel zu selten.
Materialmangel ist weniger mein Problem
Ich komme aus der Buchbranche und bin eine echte Leseratte - ein sogenannter Vielleser lt. Studie des Börsenvereins. Hinzu kommen Gespräche aus Beratung, Coaching und Supervision, Konferenzen, Podcasts, Webseiten, Studien, Newsletter, Videos und spontane Ideen. Die eigentliche Frage lautet "Welches Gepäck bringt mich tatsächlich ans Ziel" statt "Welche Informationen brauche ich noch?"
Mindestens zehn Informationsquellen liefern ständig Nachschub. Mein Ziel sind 26 veröffentlichte Beiträge im Jahr. Schon rechnerisch kann deshalb nur ein Bruchteil dessen, was mich interessiert, in einen Text gelangen.
Das Publizieren ist für mich keine völlig neue Route. Vor meiner Zeit als Working-Mom erschien meine wöchentliche Kolumne "Fragen Sie Ellen Braun" jahrelang im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels. Bei zwei Büchern war ich Co-Autorin, arbeite als freie Mitarbeiterin bei Langendorfs Dienst und bin auch sonst unregelmäßig unterwegs in verschiedenen Medien.
Ich kann schreiben. Ich kann auch regelmäßig liefern.
Mir fehlt allerdings aktuell ein verbindlicher Prozess, der aus den unzähligen Gedanken aus den verschiedenen Infoquellen aus Anwendung und Literatur schließlich einen Beitrag macht, der wertig und würdig ist veröffentlicht zu werden.
1. Auswählen: was ist es wert, festgehalten zu werden?
Die laufenden Projekte wurden nach der PARA-Methode (Projekte, Areas, Ressourcen, Archiv) sortiert. Alles, was gerade nicht aktiv ist, ist ins Archiv gewandert. Damit ist meine aktuelle Route wieder sichtbar.
📚Tipp: Tiago Forte (2023): Die PARA-Methode. Wie Sie Ihr digitales Leben vereinfachen, organisieren und meistern. REDLINE Verlag.
Für neue Informationen wird eine einfache Regel getestet: Ein Fundstück darf mit, wenn es einem aktiven Projekt oder einem geplanten Beitrag zugeordnet werden kann. Dazu wird ein eigener Gedanken notiert und kommt wird mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen (12 Wochen). Andernfalls bleibt es eine interessante Begegnung am Wegesrand.
Formel: Aktives Projekt + Gedanke + MHD
Damit kann mein Verstand gut arbeiten. Mein emotionales Erfahrungsgedächtnis grummelt noch.
Warum die Kartons trotzdem bleiben
Die Kartons enthalten nicht einfach nur Papier. Sie sind eine Art materielle Rückversicherung gegen die Angst, etwas Wichtiges zu vergessen, eine Chance zu verpassen oder den Anschluss zu verlieren. Mein innerer Satz lautet offenbar: "Wenn ich diese Infos wegwerfe, könnte mir später genau dieses Wissen fehlen."
Also bleiben Artikel im Karton. Sicher ist sicher. Nur finden würde ich den einzelnen Artikel dort vermutlich nie mehr.
Im Zürcher Ressourcen Modell steht das "Würmli" für unser emotionales Erfahrungsgedächtnis. Mein Verstand kennt die begrenzte Ladekapazität längst. Mein Würmli steht trotzdem neben dem Bulli und ruft: „Pack es lieber ein!“

Unter Stress greifen Menschen leichter auf vertraute Handlungsmuster zurück. Bei mir lautet dieses Muster: behalten statt entscheiden.
Deshalb hat der Vorsatz „Jeden Tag fünf Zentimeter Papier aussortieren“ nie dauerhaft funktioniert. Er verlangte Loslassen, ohne vorher Orientierung und Sicherheit zu schaffen. Diesmal war die Reihenfolge eine andere: Ich habe zuerst meine aktiven Projekte sortiert und damit die Route festgelegt. Alles andere durfte zunächst ins Archiv.
Erst jetzt kann ich bei jedem neuen Gepäckstück fragen: Gehört es zu meiner aktuellen Reise – oder nehme ich es nur aus Angst mit? Mein Würmli muss nicht lernen, dass Wegwerfen ungefährlich ist. Es darf lernen, dass weniger Gepäck nicht automatisch weniger Möglichkeiten bedeutet.
Weniger Gepäck, mehr Bewegung
Mein Ziel ist nicht der perfekt eingeräumte Wissens-Bulli. Mein Ziel sind 26 veröffentlichte Beiträge im Jahr. Deshalb lautet meine neue Frage: "Wofür werde ich das Entdeckte/Gesehene/Gelesene konkret verwenden?"
Bleibt die Antwort aus oder vage, muss das Fundstück nicht mit, weil meine Aufmerksamkeit begrenzt ist. Mein Wissens-Bulli muss nicht alles enthalten. Er muss fahren.
Fortsetzung folgt.
