Corona und Jahresurlaub — was Sie jetzt regeln sollten

Corona und Jahresurlaub — was Sie jetzt regeln sollten

Bild Copy­right: Screen­shot Main­Post epa­per vom 17.04.2021

Prof. Stef­fen Hil­leb­recht im Inter­view mit dem Redak­teur Jür­gen Hauck-Pei­chel für die Main­Post Würz­burg am 17.04.21

Den Jah­res­ur­laub ent­spannt am Strand und in fer­nen Län­dern ver­brin­gen: Von die­ser Vor­stel­lung wer­den sich wohl auch in die­sem Jahr vie­le Beschäf­tig­te wegen der Coro­na-Beschrän­kun­gen ver­ab­schie­den müssen. Die unsi­che­re Lage erschwert die sinn­vol­le Pla­nung der frei­en Tage. Für man­che Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer dürfte es des­halb am Jah­res­en­de auf einen Urlaubs­stau hinauslaufen.

Um es erst gar nicht so weit kom­men zu las­sen, soll­te dem schon jetzt vor­ge­beugt wer­den, sagt Stef­fen Hil­leb­recht. Der 55-Jäh­ri­ge ist Pro­fes­sor an der Hoch­schu­le für ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten Würzburg-Schweinfurt (FHWS) und Exper­te unter ande­rem für Arbeits­recht. Er gibt Tipps zum lang­fris­ti­gen Umgang mit Home­of­fice und erklärt, was die­je­ni­gen tun soll­ten, die bald eine län­ge­re Aus­zeit planen.

FRAGE: Wegen der Coro­na-Kri­se kön­nen vie­le Beschäf­tig­te zur­zeit ihren Jah­res­ur­laub kaum sinn­voll pla­nen – wenn sie ihn nicht ganz strei­chen müssen. Das könn­te dazu führen, dass zum Jah­res­wech­sel ein Stau an Urlaubs­ta­gen ent­steht. Wie soll­ten Betrof­fe­ne gegenüber ihren Arbeit­ge­bern jetzt schon reagieren?

STEFFEN HILLEBRECHT: Da muss man erst ein­mal zwei Per­so­nen­krei­se unter­schei­den: Wir haben Betrof­fe­ne mit Kin­der­er­zie­hungs­pflich­ten, die ihren Urlaub vor allem dafür auf­brau­chen, dass sie Home­schoo­ling sicher­stel­len kön­nen. Die­je­ni­gen wie­der­um, die ihren Urlaub anspa­ren, weil sie ihr Betrieb nicht gehen las­sen will oder weil sie wegen der Rei­se­be­schrän­kun­gen kei­nen Urlaub neh­men wol­len, die haben jetzt natürlich eine blö­de Situa­ti­on. Denn Paragraf7 des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes sieht vor, dass Urlaubsansprüche ver­fal­len – es sei denn, es wur­de mit dem Arbeit­ge­ber ver­ein­bart, dass Urlaub in das nächs­te Jahr auf­ge­scho­ben wer­den kann.

Was soll­ten Beschäf­tig­te nun also tun?

HILLEBRECHT: Es ist drin­gend erfor­der­lich, dass man jetzt mit dem Arbeit­ge­ber eine Rege­lung trifft, ob der Urlaubs­an­spruch ver­fällt, ob man ihn nach hin­ten ver­schie­ben kann oder ob er in Geld aus­ge­zahlt wird–was aber immer eine zwie­späl­ti­ge Sache ist, weil es eigent­lich laut Bun­des­ur­laubs­ge­setz nicht erlaubt ist. Zu den­ken wäre auch dar­an, ob er am Ende für ein Sab­ba­ti­cal genutzt wer­den kann.

Wir haben April. Bis wann soll­ten sol­che Gesprä­che geführt werden?

HILLEBRECHT: Bis ges­tern. Denn nor­ma­ler­wei­se muss das bis 31. März geklärt sein. Das heißt, dass Beschäf­tig­te jetzt nur auf den guten Wil­len des Arbeit­ge­bers hof­fen kön­nen. Und dar­auf, dass er kein Inter­es­se hat, wich­ti­ge Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter zu verärgern.

Sie haben die­je­ni­gen Per­so­nen ange­spro­chen, die einen Teil ihres Jah­res­ur­laubs zur Betreu­ung ihrer Kin­der auf­brau­chen. Ein Teu­fels­kreis, denn die­se Beschäf­tig­ten haben ja jetzt erst recht kei­ne Chan­ce auf einen Urlaub im Sin­ne von viel Erho­lung. Das geht auf die Psyche.

HILLEBRECHT: Ja. Und der Arbeit­ge­ber wird einen mit gro­ßen Augen anschau­en und sagen: „Für die Pan­de­mie kann ich nichts.“ Zumal schon die Zahl der Kin­der­be­treu­ungs­ta­ge nach Para­graf 45 SGBV (Anm. der Red.: fünftes Buch des Sozi­al­ge­setz­bu­ches) ver­dop­pelt wur­de. Natürlich ist ein Arbeit­ge­ber gut bera­ten, hier eine sinn­vol­le Lösung für die Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter zu fin­den. Wie sie aus­sieht, hängt sehr stark von den betrieb­li­chen Gege­ben­hei­ten ab. Es gibt Fir­men wie Lin­kedIn, die vor­ge­prescht sind und allen eine Woche Erho­lungs­ur­laub ange­bo­ten haben. SAP in Wall­dorf hat zumin­dest ein oder zwei Erho­lungs­ta­ge ange­setzt, damit die Mit­ar­bei­ten­den mal Luft holen kön­nen. Das sind natürlich gro­ße Unter­neh­men, denen es wirt­schaft­lich gut geht. Es gibt in Main­fran­ken dage­gen vie­le Fir­men, die mit Kurz­ar­beit zu tun haben und Umsatz­ein­bu­ßen erlei­den. Man muss an den Han­del den­ken: Ich habe gehört, dass in der Regi­on eine ganz mie­se Stim­mung herrscht. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass sol­che Unter­neh­men zu ihren Beschäf­tig­ten sagen: „du kriegst noch Extra- Urlaub“. Da kommt auf uns eine Bom­be zu, die kaum zu umge­hen ist.

Wie lan­ge wird die­se Anspan­nung noch anhalten?

HILLEBRECHT: Ich bin mir ziem­lich sicher, dass das im Som­mer hoch­kom­men wird. Noch vor der Bun­des­tags­wahl. Wenn die Som­mer­fe­ri­en da sind, wenn es wei­te­re Ver­zö­ge­run­gen beim Imp­fen gibt.

Noch­mal zur psy­chi­schen Belas­tung vie­ler Beschäf­tig­ten: Was soll­te man tun, wenn man reif für die Insel ist und an unbe­zahl­ten Urlaub oder ein Sab­ba­ti­cal denkt?

HILLEBRECHT: Es ist klug, sich sowohl die eige­ne Arbeits­be­las­tung der nächs­ten Wochen als auch die Arbeits­be­las­tung der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen im direk­ten Arbeits­um­feld vor Augen zu führen. Es lohnt sich, ein klei­nes Sozio­gramm auf­zu­ma­len mit den Infor­ma­tio­nen, wer wann wel­che Aus­las­tung hat. Dann hilft nichts ande­res als eine enge Abstim­mung im engen Kol­le­gen­kreis: Wer braucht wann sei­ne Aus­zeit? Wenn jemand allein auf sei­ne Aus­zeit pocht, wird kein Chef auf die­se Bedürfnisse ein­ge­hen können.

Unbe­zahl­ter Urlaub oder Sab­ba­ti­cal: Was ist für einen Beschäf­tig­ten unter den der­zei­ti­gen Bedin­gun­gen der bes­te Weg?

HILLEBRECHT: Am ein­fachs­ten wird die Bit­te um einen unbe­zahl­ten Urlaub sein. Denn der Arbeit­ge­ber hat da kei­ne Kos­ten mehr. Beim Sab­ba­ti­cal stellt sich für den Chef die Fra­ge: Wann kommt der Mit­ar­bei­ter zurück, wie kommt er zurück? In der Zwi­schen­zeit muss das Unter­neh­men die Sozi­al­leis­tun­gen tra­gen. Ein Sab­ba­ti­cal braucht außer­dem drei, vier Mona­te Vor­be­rei­tung, damit man bei der Rückkehr kei­ne ver­brann­te Erde im Büro vor­fin­det. Ein unbe­zahl­ter Urlaub setzt aller­dings vor­aus, dass man ein gut gefülltes Spar­kon­to hat.

Vie­le Beschäf­tig­te arbei­ten seit Mona­ten von zu Hau­se aus. Irgend­wann steht aber sicher auch wie­der die Rückkehr ins Büro an. Was soll­ten die­se Per­so­nen jetzt schon tun, wenn sie mer­ken, dass Home­of­fice für sie auch Vor­tei­le hat?

HILLEBRECHT: Es ist dann die wich­ti­ge Fra­ge, ob sich der Beschäf­tig­te nicht ein oder zwei Tage Home­of­fice sichern kann. Und ob er im Gegen­zug dem Arbeit­ge­ber ver­spre­chen kann, dass er damit bestimm­te Arbeits­pro­zes­se schnel­ler auf die Bei­ne bekommt und dass er ihn von Kos­ten ent­las­tet. Denn das ist auf Arbeit­ge­ber­sei­te gera­de eine Rie­sen­dis­kus­si­on, inwie­weit Home­of­fice Miet­kos­ten min­dert. Schließ­lich sind Büromieten bis zu vier Mal so hoch wie Wohn­raum­mie­ten. Es gibt in der Regi­on schon ers­te Unter­neh­men, die sich in die­ser Hin­sicht genau überlegen, was sie machen wer­den. Ich ken­ne eine Wer­be­agen­tur, die zum Jah­res­wech­sel ihr Büro mit 180 Qua­drat­me­tern auf­gibt und mit den Mit­ar­bei­tern Home­of­fice ver­ein­bart hat. Da geht es um 3000 Euro im Monat für eine Zehn-Mann-Firma.

Home­of­fice oder Rückkehr ins Unter­neh­men: Müssen alle Beschäf­tig­ten ein­zeln mit dem Chef abklä­ren, wie es wei­ter­geht? Oder gibt es Sam­mel­ver­ein­ba­run­gen in den Betrieben?

HILLEBRECHT: Das hängt davon ab, ob es einen Betriebs­rat gibt, der sich dafür enga­giert. Wir haben in der Regi­on ein Drit­tel Unter­neh­men, die einen schwa­chen oder gar kei­nen Betriebs­rat haben. Dort bleibt den Beschäf­tig­ten nichts ande­res übrig, als Ein­zel­ver­ein­ba­run­gen abzu­schlie­ßen oder dar­auf zu war­ten, was das Unter­neh­men anbie­tet. Bei den ande­ren zwei Drit­teln wird es dar­auf hin­aus­lau­fen, dass Betriebs­ver­ein­ba­run­gen abge­schlos­sen wer­den, um Rechts­si­cher­heit für alle Betei­lig­ten her­zu­stel­len. Mit Home­of­fice sind zum Bei­spiel Daten­schutz­re­ge­lun­gen betrof­fen, denn die wenigs­ten haben daheim eine gesi­cher­te Daten­lei­tung. Auch um Unfallverhütung geht es.

 

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