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Führungskraft bleibt ruhig, während E-Mails, Chats, Meetings und „KI“ als Wirbel um sie kreisen; im Hintergrund arbeitet ein Team im Austausch.

Sturm im Kopf: Selbstführung als Basis guter Führung

Sturm im Kopf: Selbstführung als Basis guter Führung

„Wie kann ich andere führen, wenn es mir gerade unendlich schwerfällt, mich selbst zu führen?“ so brachte es eine Führungskraft im Coaching auf den Punkt. Der Satz fiel nach einer Woche mit zu vielen Meetings, ständig neuen Prioritäten und dem Gefühl, nur noch zu reagieren. Es ist in der Tat anspruchsvoll sich bei ständig ändernden Wetterlagen selbst steuern zu wollen und bei Orkanböen im Gleichgewicht zu bleiben. Gerade wenn die Führungskraft hohe Leistungserwartungen an sich selbst hat, fällt das Selbstmanagement manchmal hinten runter: Pausen, Fokus, klare Entscheidungen.

Sich selbst zu führen, bedeutet sich selbst zu steuern und sich zu managen – mitten im Tagesgeschäft. Welche Gefühle steuern mein Verhalten, wenn das nächste „Können wir mal das eben…?“ reinkommt? Wo fühle ich (noch) Resonanz (Literaturtipp!) – und wo schalte ich innerlich auf Autopiloten? Viele Führungskräfte merken es nicht an einem großen Knall, sondern an Kleinigkeiten: Der Ton wird knapper, Meetings bleiben ergebnislos, Entscheidungen vertagt oder vorschnell getroffen. Selbstführung heißt dann: kurz innehalten, wahrnehmen, reflektieren – und wieder bewusst wählen, worum geht es jetzt und was will ich.

Wir leben in einer Zeit von Selbstoptimierung und Beschleunigung. Die KI triggert dieses Gefühl des Getriebenseins zusätzlich - Produktivität, Erreichbarkeit, Sichtbarkeit. Gleichzeitig bestimmen Krisen den Alltag. Studien, wie Microsoft Work Trend Index 2025 zeigen, dass wir im Schnitt alle zwei Minuten durch Meetings, Mails oder Chats unterbrochen werden.

Zusammenfassend gleicht das einem Triple-A. Aber anders als „Triple A“ beim Prompten (Annahme, Aufgabe, Ausgabe) bedeutet es in diesem Kontext „abgelenkt, aktionistisch und angstgetrieben“.

  • Abgelenkt durch Dauer-Pings
  • Aktionistisch durch „noch ein Meeting/noch ein Report“
  • Angstgetrieben durch den Druck, keine Fehler zu machen und ständig liefern zu müssen.

Alles zusammen entsteht ein Gefühl von „ich arbeite bis zum Umfallen“ – und spüre mich gleichzeitig immer weniger:

Aussage Wirkung
"Ich muss die Jahresgespräche schon wieder schieben. Ich bin nur noch im Organisationsmodus." Wenn Führung nur noch Verwaltung ist, ist das oft nicht „Faulheit“, sondern Dauer-Ablenkung und zu wenig Fokus.
„Mein Kalender führt mich. Ich springe von Termin zu Termin – am Ende des Tags habe ich viel geredet, aber kann nichts wirklich abhaken.“ Aktionismus fühlt sich erstmal produktiv an. Ist allerdings wenig wirksam.
„Ich ertappe mich dabei, dass ich Dinge wieder selbst mache, weil ich „keine Zeit“ habe zu erklären oder zu delegieren.“ Angstgetriebenes Kontrollverhalten im Tarnanzug „Effizienz“.
„Ich habe schon lange kein Buch mehr in die Hand genommen. Maximal ein Hörbuch, um einschlafen zu können.“ Na, hoffentlich ist das kein Thriller, der das Nervensystem noch mehr antriggert und wilde Träume beschert.
„Ich habe mich abgemeldet aus allen Nachrichtenkanälen. Backe mein Brot selbst, häkle wieder, pflege den riesigen Garten mit dem Ziel mit meiner Familie im Selbstversorgerstatus unser Leben zu gestalten.“ Selbstschutz par excellent oder Flucht aus der Realität?

Wofür sind diese Aussagen so wertvoll?

Sie sind ein Frühwarnsystem: Sie zeigen, den Grad der Selbstführung – und damit auch, wie stabil Führung gerade wirklich ist. Die obigen Sätze sind kein „Jammern“. Sie sind Daten aus dem System Mensch. Sie markieren die Stellen, an denen Führung im Alltag kippt: vom Gestalten ins Reagieren, von Klarheit in Dauerabstimmung, von Vertrauen in Kontrolle.

Und sie zeigen noch etwas: die Fähigkeit, sich aus Verwicklungen des Alltags immer wieder herauszulösen. Wie weit ist die Führungskraft in der Lage sich selbst und das eigene Verhalten zu beobachten, dies zu reflektieren, gezielt zu verändern und an den eigenen Zielen flexibel auszurichten? Genau das ist Selbstführung: nicht perfekt sein, sondern wieder ans Steuer zurückzufinden.

Für die Organisation (und erst recht für die Geschäftsführung) ist das hoch relevant: Wenn viele Führungskräfte in genau diesen Mustern hängen, steigt der Preis. Nicht nur emotional, sondern auch wirtschaftlich – über Reibungsverluste, Entscheidungsstau, Konflikte, Krankheitsausfälle und Fluktuation. Deshalb lohnt es sich, diese Aussagen ernst zu nehmen: Sie sind oft die letzten klaren Signale, bevor die Führungskraft innerlich auf „Durchhalten“ schaltet.

Coaching bietet dafür den Raum – und die Führungskraft bestimmt selbst das Raumformat: Ist es nur ein Zelt, das einem im Sturm auch mal um die Ohren fliegen kann? Oder ist es ein Raum im Ziegelhaus: stabil, geschützt, strukturiert. Manchmal sogar ein Raum, der einem Spiegelsaal gleicht – weil dort nicht nur Verhalten sichtbar wird, sondern Muster: Antreiber, alte Rollen, Glaubenssätze wie „Ich muss das im Griff haben“ oder „Ich darf keine Schwäche zeigen“.

Und dann kommt die große, ehrliche Frage, die beim Heiligenfelder Kongress 2026 diskutiert wurde: „Wer sind wir eigentlich als Führungskraft … in Zeiten von …?“ Viele erleben genau deshalb das Gefühl, „es“ nicht mehr in der Hand zu haben: Weil die äußeren Anforderungen lauter sind als die innere Haltung. Weil Identität nicht mehr automatisch trägt. Und weil „Führung“ sich plötzlich anfühlt wie ein Job ohne Boden unter den Füßen.

 

Selbstführung ist auch Identität

Wofür stehe ich? Wie will ich führen – gerade dann, wenn es stressig wird? Und was lasse ich ab heute bewusst weg, damit Führung wieder wirksam und menschlich wird?

 

work&feelgood-Message

Orkanböen zeigen sich im Außen: zu viele Meetings, ständig neue Prioritäten, Dauer-Pings. Was dann oft passiert, ist vorhersehbar: Im Inneren entsteht ein Muster, das hier „Triple-A“ genannt wird – abgelenkt, aktionistisch und angstgetrieben. Ablenkung durch ständige Unterbrechungen, Aktionismus als Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen („noch ein Meeting/noch ein Report“), Angst als Treiber, bloß keinen Fehler zu machen und permanent liefern zu müssen. Der Orkan ist nur das Wetter, nicht das Klima! Triple-A ist die innere Reaktion allerdings auf das Klima im beruflichen Umfeld. Und genau diese Reaktion zeigt sich in den typischen Aussagen aus dem Führungsalltag.

Check am Abend (30 - 60 Sekunden)

Der Grad der gefühlten Selbstführung lässt sich pragmatisch auf einer Skala von 0 bis 10 verorten – als kurzer, wiederkehrender Check am Tagesende. Nicht als Bewertung, sondern als Kompass: Was hat heute gesteuert – Klarheit oder Orkan?

  • 0 = Heute habe ich nur noch funktioniert
  • 10 = Mein inneres Gleichgewicht ist da, Gefühle ließen sich gut steuern, Entscheidungen habe ich auch unter Druck bewusst getroffen.

Wo liegt der Wert heute? Welches A war am lautesten – Ablenkung, Aktionismus oder Angst? Was ist der +1-Schritt für morgen, um wieder ins Steuern zu kommen (eine klare Priorität, eine Grenze, eine Delegation, ein klärendes Gespräch, eine echte Pause)?

So wird Selbstführung über die Zeit stabiler – und Mitarbeiterführung im Alltag spürbar wirksamer.

 

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Erklärbär trifft Gen Z – Supervision für Ausbilder

Supervision für Ausbilder – Ausbildung ist Führung!

Ausbildung ist Führung

GenZ in der Ausbildung: Nicht schwierig. Nur anders getaktet

Kennst du das? Du bist Ausbilder:in, willst eigentlich „nur kurz“ eine Aufgabe erklären – und plötzlich stehst du mitten in einem kleinen Drama aus Rolle, Pflicht, Verantwortung. Der Azubi guckt, als hättest du ihm gerade die Steuererklärung hingeworfen, du denkst „Warum macht er/sie das nicht einfach?!“, und irgendwo im Hintergrund ruft leise jemand „…Schuldbefreit“. Willkommen in der Realität.

Und ja: genau dafür ist Supervision da!

1) Fühlen und führen: Rolle, Pflicht, Verantwortung auf die Gefühlsebene holen

In der Supervision starte ich gern mit einem humorvollen Realitätscheck: „Denke an eine Situation, an der Du für Deine Azubis „offline“ oder nicht erreichbar. Also ERROR – 404 – Ausbilder nicht gefunden.“ Das Lachen öffnet die Tür. Und dann wird’s ernst: Viele junge Menschen suchen nach Sicherheit, Planbarkeit und tragfähigen Beziehungen – das zeigt die Shell Jugendstudie 2024 sehr deutlich. Wenn diese Basis fehlt, wirkt Verantwortung nicht wie „Entwicklung“, sondern wie „Risiko“. Supervision hilft Ausbilder:innen, die eigene Rolle klar zu halten: wertschätzend statt wackelig.

2) Ursache-Wirkungs-Diagramm: Der Brückenbauer zwischen Bauch und Gehirn

Sobald Emotionen auf dem Tisch sind, kommt das Gehirn dran: Wir visualisieren mit dem Ursache-Wirkungs-Diagramm (Mensch/Maschine/Mitwelt/Methode) warum Azubis so reagieren, wie sie reagieren. Das entlastet – weil es das „Die sind halt so“ ersetzt durch „Aha, das wirkt also zusammen.“ Ein Beispiel: Privat ist Digitalität hochverfügbar – Social Media, Streaming, KI – beruflich treffen viele auf analoge Routinen und uneinheitliche Lernsettings. Dass Jugendliche digitale Medien intensiv nutzen und sich dabei selbst kritisch beobachten („zu viel Handyzeit“, Ablenkung) zeigt die JIM-Studie 2024. Und die Bitkom-Zahlen machen die Größenordnung greifbar: im Schnitt 150 Minuten Smartphone pro Tag (2024) – bei Jüngeren deutlich mehr.

3) Perspektive wechseln: Stärken aktivieren statt Defizite verwalten

Dann drehen wir die Blickrichtung: Was bringen Azubis mit, das uns als Organisation hilft? Digitale Affinität, andere Sichtweise, Motivation, Wissbegierde, Teamgeist – das sind echte Transformationsressourcen. Wenn Jugendliche in Social-Media-Logiken denken (kurz, schnell, sichtbar), können sie zum Beispiel interne Kommunikation, Recruiting oder Kundenkontakt moderner machen – wenn wir ihnen dafür sinnvolle Spielräume geben. Gleichzeitig gilt: Motivation bleibt nicht „von allein“ stabil. Die Shell Jugendstudie zeigt, dass Beziehungen und Anerkennung für Jugendliche zentral sind. Supervision schärft genau diesen Punkt: Stärken werden nur wirksam, wenn Beziehung und Rahmen passen.

4) Zukunftsperspektive: Die Organisationsebene mit reinnehmen (sonst wird’s nur ein Pflaster)

Jetzt der häufigste Fehler in Ausbildungsfragen: Man versucht, alles über „besser erklären“ zu lösen. Der Erklärbär ist da – obwohl das Problem strukturell ist. Darum holen wir die Organisationsebene dazu: Ausbildungsplan, interne Regelungen, Lernzeiten, Ansprechbarkeit, Verantwortungsräume, Feedbackformate. Die KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ zeigt: Digitale Kompetenzen und Selbststeuerung müssen curricular verankert werden – also nicht „nebenbei“, sondern als fester Bestandteil von Lernen. Übertragen auf den Betrieb heißt das: Wenn ihr digitale Lernmedien wollt, braucht ihr klare Lernaufträge, passende Tools, Ergebnisrückkopplung – und Ausbilder:innen, die darin sicher sind.

5) Konkrete Maßnahmen ableiten: Was wirkt nachweislich?

In der Supervision leiten wir Maßnahmen ab, die nicht „nice to have“, sondern wirksam sind – und hier ist die Forschung erstaunlich klar: Im betrieblichen Ausbildungsverlauf kommt es besonders darauf an, dass Ausbilder:innen präsent (also Vorbilder) sind, klare Arbeitsanweisungen geben, Arbeitsergebnisse besprechen und regelmäßig Feedback einholen. Genau das trifft Gen Z ins Zentrum: Wer in Echtzeitkommunikation sozialisiert ist, braucht keine „Kuschelpädagogik“, sondern verlässliche Rückmeldung und Orientierung. Und Feedback ist nicht nur Pädagogik – es hängt auch mit Motivation, Arbeitszufriedenheit, Leistung und mentaler Gesundheit zusammen.

Typische Maßnahmen, die wir konkretisieren (und sauber operationalisieren):

  • Regelmäßiger Austausch + positives Feedback (fixe Takte, nicht „wenn Zeit ist“)
  • Einheitliche Struktur mit Konsequenz (+/–) (klar, fair, vorhersehbar)
  • Mehr Miteinander / Beziehung stärken (Kontaktqualität als Führungsaufgabe)
  • Offenheit für Stärken/Ressourcen (Azubis als Beitrag, nicht als Belastung)
  • Aufgaben/Herausforderungen/Projekte (echte Verantwortung in kleinen Schritten)
  • Vorbild-Funktion & Werte leben (Respekt/Offenheit/Loyalität)
  • Reagieren statt ignorieren (Konflikte nicht „aussitzen“)
  • Vernetzung (Azubi-Peers, Pat:innen, Lernort-Kooperation)

6) Fokus & Commitment: Der 12-Wochen-Pakt

Zum Schluss kommt mein Lieblingsteil – weil er den Unterschied macht: Fokussierung. Wir wählen nicht 14 Maßnahmen, sondern maximal 6, die in den nächsten 12 Wochen konsequent laufen. Warum 12 Wochen? Weil es lang genug ist, um Routinen zu etablieren – und kurz genug, um „Wir schauen mal“ zu verhindern.

Mini-Selbsttest fürs Ausbilderteam: Wo klemmt’s am meisten – Zeit, Einheitlichkeit, oder Konsequenz? Antworte mit 1–3. Und schreib uns - wir freuen uns auf den Austausch!

 

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Sag´ doch, was du willst! Dann kann ich auch danach handeln!

Kommunikation im Ausbildungsalltag: Warum Zuhören wichtiger ist als Sagen

Kommunikation ist keine Einbahnstraße – sondern tägliche Übung

„Ich habe es doch gesagt!“ – ein Satz, der im Coaching immer wieder fällt. Doch gesagt ist nicht gleich gehört, und gehört ist noch lange nicht verstanden. Kommunikation ist ein Handwerk – sie will gelernt, geübt und verinnerlicht werden. Besonders im Spannungsfeld zwischen Ausbilder*innen und Auszubildenden zeigt sich, wie wichtig kontinuierliche Kommunikationspflege ist.

5 Praxistipps:

1. Vorbild sein – jeden Tag aufs Neue
Der transformationale Führungsstil wirkt durch Haltung. Authentizität, Wertschätzung und klares Feedback. Wer führt, muss den Anspruch (vor-)leben.

2. Generationsunterschiede nicht wegdiskutieren, sondern nutzen
Boomer, Gen Z, Millennials – sie ticken verschieden. Und genau darin liegt die Kraft - initiiere Wertedialoge: Was bedeutet „Verlässlichkeit“? Was heißt „Respekt“? Und wie sieht „Verantwortung“ aus – aus unterschiedlichen Perspektiven?

3. Kommunikationspsychologie sichtbar machen
Modelle wie das 4-Ohren-Modell oder das ZRM® entschlüsseln Dynamiken. Wer versteht, warum eine Botschaft nicht ankommt, kann sie gezielt neu verpacken.

4. Weniger ist mehr: 3 Maßnahmen statt 13
Klarheit schlägt Komplexität. Konkrete Vereinbarungen gilt es auch einzufordern – und dann: laut loben!

5. Die Verpackung zählt: 55-38-7 schockt – jedes Mal
Nur 7 % der Wirkung entfaltet der Content. Was nicht heißt, dass es egal ist, was du sagst! Hauptsache du schaust gut aus! Aber ohne Körpersprache und Stimme, verpufft halt auch der Inhalt.

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Schluss mit der Schnappatmung im Buchhandel

Schluss mit der Schnappatmung im Buchhandel

Selbstfürsorge zwischen Ladentür und Kassentresen? Branchenberaterin Ellen Braun coacht Firmen und Kliniken in Sachen Work-Life-Balance und agiles Arbeiten. Hier kommen ihre Tipps, um den Stresspegel im Buchhandelsalltag zu senken.
Interview v. 15. März 2022 im Börsenblatt mit Sabine Cronau.

Corona hat den Stresspegel im Buchhandel kräftig nach oben getrieben. Jetzt überschattet der Ukraine-Krieg den Alltag mit Zukunftsängsten. Wie können Buchhändler:innen in diesen Zeiten gut für sich selber sorgen – damit die Anspannung nicht übermächtig wird?

Unser vegetatives Nervensystem signalisiert uns sehr deutlich, wenn wir in Stress geraten – durch das ausgeklügelte Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus. Wenn die Balance zwischen beiden Polen nicht stimmt, dann kommt Stress auf.

Der Sympathikus sorgt dafür, dass wir funktionieren, im Laden schnell und effektiv arbeiten, die Kunden beraten. Er wird ständig trainiert. Den Parasympathikus dagegen, der für Entspannung zuständig ist, unterdrücken wir gern. Den Parasympathikus gilt es allerdings genauso zu trainieren. Wir müssen ihm Zeit und Aufmerksamkeit schenken – auch wenn wir allesamt Weltmeister darin sind, ihn zu ignorieren.

Wir alle sind Weltmeister darin, unseren Parasympathikus zu ignorieren. (Ellen Braun)

Und wie lässt er sich trainieren?

Auf drei Ebenen: Die erste Ebene ist unsere persönliche Haltung. Wir alle wissen, wie wichtig kleine Auszeiten sind, aber diese Erkenntnis findet selten den Weg vom Hirn zum Herz. Achtsamkeit bedeutet, darauf zu hören, was mein Körper gerade braucht.

Wenn ich merke, dass mir fünf Minuten Pause guttun würden, dann sollte ich mir diese Zeit auch nehmen und eine Runde um den Block gehen – gerade jetzt, wo alle mit Maske im Laden stehen müssen. Und wenn ich merke, dass ich vor lauter Hektik gerade Schnappatmung bekomme und mir der Kopf schwirrt, dann helfen kurze Atemübungen, die sich problemlos hinter der Ladentheke machen lassen. Das merkt kein Dritter.

Welche Ebenen gibt es noch?

Die Team- und die Organisationsebene: Im Team sollte es Wertschätzung dafür geben, dass sich jemand eine Auszeit nimmt. Und diese Auszeiten lassen sich dann auf Organisationsebene auch fest verankern. Bevor der Laden öffnet, ist zum Beispiel ein kleines „Daily“ sinnvoll – um zu besprechen, was am Tag so anliegt, aber auch, um schöne, gemeinsame Momente jenseits der Arbeitsroutine miteinander zu verbringen. Wer kennt einen guten Witz, ein schönes Lied, eine Lachyoga-Übung?

Sehr entspannend sind ebenfalls 10-Minuten-Einheiten mit „Lern-Nuggets“ – eine Kollegin, die Tai-Chi macht, gibt ein paar Übungen ans Team weiter, ein Kollege, der Geige spielt, gibt ein Mini-Konzert: In jedem Team stecken so viele Ressourcen jenseits vom Fachwissen, die den Kopf frei machen. Wer sich das traut, kann solche Übungseinheiten auch während der Öffnungszeit ansetzen – und die Kunden einbeziehen.

Ganz wichtig, gerade für Buchhändler:innen, die den ganzen Tag stehen: zwischendurch mal kurz die Füße hochlegen! (Ellen Braun)

Das klingt so, als wäre Selbstfürsorge schon in wenigen Minuten und für das ganze Team zu haben. Muss man also gar nicht so viel Zeit investieren?

Zeit ist immer relativ. Wenn ich krank werde, dann nimmt sich mein Körper die Zeit - ohne dass ich die Dauer steuern kann. Aber es stimmt schon: Selbstfürsorge muss nicht zeitaufwendig sein. Und was sind schon fünf Minuten – dafür, dass ich dann 60 Minuten lang fokussiert arbeiten kann?

Atmen, Spazierengehen, kleine Auszeiten im Team – was kann man sich noch Gutes tun, ohne großen Aufwand?

Ganz wichtig, gerade für Buchhändler:innen, die den ganzen Tag stehen: zwischendurch mal kurz die Füße hochlegen. Wenn eine Buchhandlung ein Hinterzimmer hat, dann lässt sich hier zum Beispiel ein bequemer Sessel oder eine Liege für Ruhepausen aufstellen – im besten Fall nicht zwischen Kisten und Lieferwannen, sondern mit einer aufgeräumten Wohlfühlatmosphäre, die der Entspannung dient. Nicht nur Google und Co. können Büroräume ganz neu denken.

Außerdem empfehle ich gern das so genannte Priming: Der Parasympathikus kann durch Bilder, Musik oder Gegenstände aktiviert werden, die uns an schöne, entspannte Augenblicke erinnern. Ein Bild an der Wand, ein Urlaubsfoto auf dem Handy-Screen, ein Kieselstein vom Strand in der Hosentasche: Es geht um Erinnerungsstücke, die uns Kraft geben und signalisieren: Es gibt auch noch etwas anderes als Stress in unserem Leben.

Sie haben vorhin schon kurz die Organisationsebene angesprochen. Kann man hier auch für Entlastung sorgen?

Wenn das ganze Team im Dauerstress ist, dann muss man genau analysieren, woran das liegt. Muss man vielleicht das Personal aufstocken? Lassen sich Abläufe vereinfachen oder digitalisieren? Vielleicht lässt sich für ständig wiederkehrende Anfragen ja ein Chatbot einrichten? An Problemen, die im System liegen, kann auch die beste Atemtechnik wenig ändern.

Kann auch ein optimiertes Zeitmanagement für Entlastung sorgen?

Unbedingt. Das so genannte Time-Boxing, das feste Zeiten für bestimmte Tätigkeiten festlegt, schafft ein Bewusstsein dafür, wie viel Zeit wir zum Beispiel mit dem Bearbeiten von E-Mails oder Bestellungen verbringen. Wenn ich mir dafür nur ein Zeitfenster von 20 Minuten reserviere, dann ist das Postfach danach in der Regel auch abgearbeitet. Und was ich in dieser Zeit nicht geschafft habe, hat vielleicht auch gar keine Daseinsberechtigung!

Ganz gleich, was Sie tun und wie lange Sie es tun: Verabschieden Sie sich vom Perfektionismus. Daran erinnere ich mich selbst täglich in meiner E-Mail-Signatur mit dem Satz: „Just barely good enough!“. Anders formuliert: Es passt schon!

Ellen Brauns Buchtipps zum Thema Selbstfürsorge
 ...fürs Beratungsgespräch mit Kunden, aber auch für die eigene Lektüre:

  • Gunter Frank, Maja Storch: „Die Mañana-Kompetenz: Auch Powermenschen brauchen Pause“, Piper, 11 Euro
  • Maja Storch: „Machen Sie doch, was Sie wollen!: Wie ein Strudelwurm den Weg zu Zufriedenheit und Freiheit zeigt“, Hogrefe, 17,95 Euro
  • Brigitte Schäfer: „Resilienz“, Reclam, 10 Euro
  • Michael Lehofer: „Mit mir sein. Selbstliebe als Basis für Begegnung und Beziehung“, Braumüller, 19 Euro
  • Gerd Schnack: „Neue Körperwunder gegen Stress. Rituale zum Entspannen im Alltag“, Kreuz (nur noch als E-Book oder gebraucht)
  • Volker Busch: „Kopf frei!: Wie Sie Klarheit, Konzentration und Kreativität gewinnen“, Droemer, 18 Euro

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